Die Linke und die Macht, In eigener Sache, Internationales, Nachruf, Theorie und Geschichte

Das politische Leben eines Kämpfers


„Selbständig dialektisch denken, lernen, kämpfen, nicht in Sektierertum verfallen: Das waren wohl die vier Pfeiler seines marxistischen Handelns. Das hat er versucht, mir zu vermitteln. Und das ist sein wertvollstes Erbe.“

Vor einem Jahr starb Miroslav „Mirek“ Vodslon (1948-2017), Veteran des Prager Frühlings, der für einige der Aktiven von „Lernen im Kampf“ ein politischer Lehrer war. Anlässlich des ersten Todestages veröffentlichen wir die Rede von Mireks Sohn Adrien bei der Gedenkfeier am 29.04.2018 in Berlin, in der er über die „Momente des politischen Lebens“ Mireks sprach.

Momente des politischen Lebens meines Vaters Mirek Vodslon

Ich möchte mich bei euch allen bedanken, hierher gekommen zu sein, diesen Tag organisiert zu haben, damit das Leben meines Vaters nicht wie ein fallender Stein im Wasser verschwindet. Als er starb, wusste ich nicht wieviele Menschen kommen würden und es war für mich ein gewisser Trost zu sehen, dass doch viele Leute ihm ihre Anerkennung kundtun wollten. Ich werde hier versuchen, Bruchstücke seines Lebens und meines politischen Verhältnisses zu ihm wiederzugeben. Über wesentliche Perioden seines Lebens, wie die jahrelangen Arbeit in der SAV [Sozialistische Alternative, deutsche Sektion des CWI – Committee for a Workers‘ International] oder seine Monate in Namibia [2015/16, für die WRP – Workers‘ Revolutionary Party], können andere Genossen am besten berichten.

Mirek, Miroslav Vodslon, war der Sohn von Alzbeta Kussi, einer jüdischen Sudetin, die das KZ Theresienstadt überlebt hat. Sie war Kommunistin und zog vier Jungen groß, darunter meinen Vater, den ältesten ihrer drei leiblichen Kinder. Sie war immer sehr stolz auf ihr Deutsch und reiste in den neunziger Jahren einige Male nach Berlin.

In einer Zeitschrift, in der ein „Who is who“ der osteuropäischen Nomenklatura abgedruckt ist, wird mein Großvater so kurz dargestellt:

Vodslon, Frantisek – * 16.3.1906. Gewerkschaftsfunktionär, während d. 2 Weltkrieges in Haft, 1948 Abgeordneter, stellv. Landwirtschaftsminister, 29.5.49-17.12.52 Kandidat d. ZK d. KPTsch, seit d. 7.12.52 Mitglied d. ZK (Wiederwahl 15.6.1954 und 21.6.58). 1953 Vors. d. Kreisnationalausschusses Prag, seit 1957 Vors. d. ZK d. tschs. 1. Verbandes für Körpererziehung

Nicht erwähnt wird, dass mein Großvater einer der vier Abgeordneten war, die nach dem August 1968 gegen die Besatzung durch die russischen Truppen gestimmt haben. Damit wurde er zu einem Feind der stalinistischen Regierung. Mein Vater hat mit mir über diese Periode nicht viel gesprochen, außer dass er mir immer wieder gesagt hat, dass es im Grunde eine außergewöhnliche Zeit war, es waren seine Studentenjahre in Paris, die er mit Politik, schweren Entscheidungen, Freunden, Freundinnen verbrachte.

Die folgenden Passagen aus seinen Briefen an Freunde schildern seine Lage und die internationale Situation relativ gut.

Die erste Zeit in Frankreich: Briefe an seine Freunde von 1969-1971

Mein Vater ist wohl 1968 mit einem Studienstipendium nach Paris gereist, dann wieder nach Tschechien, um seine Familie zu sehen und zu versuchen sein Auslandsvisa zu verlängern. Er kam am 1. oder 2. Oktober 1969 wieder nach Paris.

Am 5. November 1969 schrieb er an seinen Freund Noël (aus dem Französischen übersetzt):

„Was mich betrifft habe ich keine Idee was aus mir werden wird. Die entscheidende Stunde ist vielleicht nahe. Ich habe dir wahrscheinlich schon geschrieben, dass die Pässe am Ende des Monats revidiert werden, das gleiche gilt für die ‚Rechtmäßigkeit der Auslandsstudien der Tschechen‘. Ich würde gerne in Frankreich oder Italien oder woanders bleiben, auch wenn ich nicht mehr die Möglichkeit haben werde das Blut Frankreichs zu saugen [Sein Stipendium war wohl auch von der französischen Regierung bezahlt], möchte ich von Zeit zu Zeit nach Hause kehren können: die Perspektive, von dem Land abgeschnitten zu sein, in dem meine Familie lebt und dessen Sprache ich spreche, erschreckt mich. Die rationellen Argumente, von denen ich sprach, sind die folgenden: entweder macht man in einem anderen Land etwas, was man Politik nennt, aber bei uns heißt das subversive Aktivität und man wird früher oder später zerstört / keine Arbeit / kein Studium / keine Wohnung eventuell Gefängnis und das alles für ein sehr entferntes Ziel.

Oder man kümmert sich erstmal um sich selbst, und dann lohnt es sich nicht dort zu sein: Im Westen sind die Lebensbedingungen für ein solches Leben und andere nebenbei wesentlich günstiger. Das ist mein Dilemma, vereinfacht natürlich. Ich werde mich später entscheiden. Meine Mutter schreibt mir, dass die Studenten in der ?SSR zum 17. November ein Geschenk bekommen werden. Diejenigen, die die Erklärung, dass die UdSSR als Alliierter Hilfe leistet und diese Freundschaft bis in die Ewigkeit dauern wird, nicht unterschreiben, werden nicht an den Unis eingeschrieben.“ […]

In einem Brief vom 23. Dezember 1969 schreibt er an seinen Freund Luca (aus dem Italienischen übersetzt):

„Jede Woche ließen sie mich hoffen, dass ich in Kürze raus könnte [aus der Tschechoslowakei], aber dann war der Pass nie bereit. So war ich bis zum letzten Tag nicht sicher wegfahren zu können, da sich die politische Situation jeden Tag verschlimmern konnte. Ich bin am 2. Oktober 1969 weggefahren, um 11 Uhr morgens, und um 10 Uhr hatte ich noch nicht meinen Pass in den Händen. Ich habe eine Ausgangserlaubnis bis zum 31 Dezember.“ […]

„Leider wird es immer schwieriger mit meinen Eltern zu kommunizieren. Die Post wird abgefangen und sie kommt mit unglaublich viel Verspätung an. Es gibt immer weniger Menschen, die in die CSSR reisen, alle haben Angst vor der Grenze. Vor drei Wochen hat mir einer dieser glücklichen Reisenden Nachrichten von zu Hause mitgebracht: alle geht es den Umständen entsprechend gut. Zdenek, der jüngste meiner Brüder, hat sich auf dem Gymnasium hervorgetan. Als die Lehrerin (sicherlich eine Fanatikerin) sagte, dass der Kapitalismus auf der Schwelle des Abgrunds stünde, erhob sich eine Stimme und fragte: ‚und was macht er da?‘ Da antwortete Zdenek ‚er guckt uns von da oben an, um zu wissen, was wir da unten so tun…‘“

In einem nicht datierten Brief, aber wohl von 1969 oder 1970 an eine deutsche Genossin, schreibt mein Vater über die Situation in der Tschechoslowakei:

„Seit dem Septemberplenum des ZK haben die Neustalinisten, die sich von den alten nur durch einen ungeheuren Zynismus unterscheiden, die ganze zentrale Macht wieder in die Hand genommen. Das sogenannte konterrevolutionäre Auftreten in August war nur ein durchdachte Vorbereitung zur Machtübernahme. Die Menschen wurden von einer hasserfüllten Propaganda wochenlang aufgehetzt, von der doch niemand erwarten durfte, jemanden zu überzeugen. Es war nur Hass und Lügen. Dann kam es zum ‚offenen Auftreten der konterrevolutionären Kräfte‘. Tausende Menschen die keine Verkehrsmittel benutzten um damit ihre Meinung auszudrücken, wurden von der Polizei und der Armee provoziert. Dann im vollständigen Chaos durch die Straßen gejagt und verhaftet. Wer Pflastersteine werfen wollte / oder sollte/, der fand sie ohne Mühe in Haufen auf der asphaltbedeckten Straße. In den Zeitungen schrieb man dann, dass es sich um Vorräte der Konterrevolution handelte. So wird eine Konterrevolution fabriziert.“ […]

„Ein ehemaliger Mitschüler von meinem Bruder Pavel wurde während der ‚Demonstrationen‘ verhaftet, nach 3 Wochen Haft mit Prügeln wieder freigelassen, ohne dass man die Beweise für ein Gerichtsverfahren gegen ihn gefunden hätte / denn es ist immer noch so, dass die Polizei Beweise suchen muss, wenn sie jemanden verurteilen lassen will. Trotzdem hat dieser Arbeiter seine Arbeit verloren, und darf nicht mehr die Abendschule besuchen.“ […]

„Was die wirtschaftliche Lage betrifft, so weiß jeder, dass sie katastrophal ist. Es wird nicht mehr gearbeitet – und für wen sollten die Leute auch arbeiten, denn fast alle sind überzeugt davon, dass unsere Wirtschaft ‚nur für die Russen‘ funktioniert. In den Regierungskreisen gibt es dabei eine starke Tendenz, die ökonomischen Probleme von den arbeitenden Menschen bezahlen zu lassen, dasheißt, sie mit weiterer Herabsetzung des Lebensniveaus zu lösen.“ […]

„Dass ich erst vier Wochen nach dem ursprünglichen Datum abreisen konnte, verdanke ich nur dem Erziehungsminister, der sich mit der Einleitung von Terror in seinem Ressort beschäftigte, so dass die Stipendiaten nur zu warten hatten.“ […]

Am 4. September 1970 schrieb ihm sein Freund Luca (aus dem Italienischen übersetzt)

„Deine Mutter möchte:

1) dass du nie direkte Kontakte zu Emigranten hast, dass du dich nicht mit ihnen fotografieren lässt, habe Kontakte nur über Drittpersonen, jeder Versuch könnte eine Anklageschrift für sie [seine Eltern] sein.
2) dass alle Sachen, das ganze Material, das gegen dich oder gegen sie verwendet werden könnte, verschwindet aus deiner Wohnung.
3) dass keine Artikel mehr an sie geschickt werden
4) dass in den Briefen überhaupt keine politischen Meinungen mehr geäußert werden“

Am 6. Januar 1971 schreibt er an eine italienische Freundin (er war 22 Jahre alt) (aus dem Italienischen übersetzt):

„Ihr solltet euch organisieren. Einen nur theoretischen Marxismus gibt es nicht. Heute Marxist zu sein heißt das Klassenbewusstsein des Proletariats aufzubauen. Für mich ist das heute klar: dieses Bewusstsein ist die Internationale, die vierte, gegen den Imperialismus und gegen den Stalinismus. Ich werde nie wieder in die Tschechoslawakei vor der Revolution zurückkehren können. Aber unsere Revolution wird nicht ohne die italienische gewinnen. Also, wenn ihr wollt, dass ich euch in Prag als Touristenführer diene, beeilt euch!“

In diesem selben Brief schreibt er Silvana, dass er sich an der Uni an Russisch-Kursen eingeschrieben hat und auch etwas Spanisch, Holländisch und Polnisch gelernt hat. Er hat dann auch etwas Marx, Lenin, Logik und Linguistik durchgeblättert – ohne etwas zu verstehen [schreibt er]. Er sagt weiter, dass er relativ viel auf Italienisch gelesen hat: Pavese, Calvino, Buzzati, Malaparte.

Episode mit Pennac im Winter 1972

Im Winter 1972 war mein Vater Mathelehrer in einer katholischen Schule. Er teilte mit dem heutigen Schriftsteller Pennac ein Zimmer. Dieser hat 1992 im „Monde des Livres“ (Zusatzbeitrag der Zeitung Le Monde über Bücher, eine Institution in Frankreich) über eine Episode mit meinem Vater geschrieben (aus dem Französischen übersetzt):

„Fait d‘hiver“ (ein Wortspiel)

„Sobald der Ofen ausging, war es kalt bis zum Ural. Hingeplanzt unter den roten Beten zwischen Soissons und Villers-Cotterêt, herrschte der Ofen über zwei Lehrer in der Winterzeit. Der eine war Tscheche, der andere das war ich. Der tschechische Freund antwortete auf den Namen Miroslav, Mathematiklehrer in der Mittelschule, wo ich mein Französisch verbreitete. Er las alle Exilzeitungen. Der Ofen verbrauchte auch viele. Er weigerte sich, sie zu entzünden, wenn er nicht seine Ladungen Neuigkeiten hatte. Aber zu viel Zeitungspapier erstickte ihn.

Das ist kein Ofen, sagte Mirek, das ist eine Metapher der Pressefreiheit.

Während ich mich bemühte das Monster zu füttern, las Mirek laut Zeitung vor um das Zimmer zu heizen. Gelesen, verbrannt, erloschen. Manchmal jedoch ritt der Ofen im Galopp davon, so, mit einem Male, eine Laune.

Der Mensch hat sich immer viel eingebildet aufgrund der Feuer, die er entfacht.

Bis zu dem Tage, an dem Mirek erklärte:

  • Mach dir keine Illusionen, es ist nicht Dank deiner Pyromanie, dass das Ding anspringt.
  • Nein?
  • Nein, es ist dank des „Monde des Livres“.
  • Le Monde des livres? Wir verbrannten es nie.
  • Gerade deswegen: dieser Ofen geht an, wenn ich ihm Le Monde des Livres vorlese.
  • Er fügte hinzu: und es ist wissenschaftlich
  • Eine Tatsache, die ich seit 3 Wochen feststelle.

Eine Tatsache, die uns den ganzen Winter 1972 wärmte. […]

  • So ist das, kommentierte Mirek: es gab immer zwei Typen von Zeitungen: welche, mit denen man die Öfen anzündet, und welche, die die Öfen entzünden. Die Letzteren sind seltener.“

Politik und sein Sohn

Die ihn kannten wissen, dass es unmöglich war, mit ihm nicht über Politik zu sprechen. Ich war da keine Ausnahme. Und dennoch habe ich nie das Gefühl gehabt, meinem Vater politisch folgen zu müssen. Selbstverständlich war ich als Kleiner auf Demos in Berlin zum Ersten Mai. Aber mein Vater war in den 90er Jahren politisch wenig aktiv, aus sowohl persönlichen als auch an der objektiven Lage liegenden Gründen, wobei beide wohl ineinander flossen.

In den 90er Jahren fuhren wir oft am Wochenende nach Prag, im Auto erzählte er mir die Geschichte meines Großvaters, seiner Haft, der Torturen, wie er es geschafft hatte doch weiter zu laufen nach der Gefangenschaft. Auch über Plötzensee sprach er und der Verurteilung meines Großvaters.

Die Rückkehr in die Politik fand im Jahre 2002 statt. Ich hatte ein ziemlich bewegtes, auch schwieriges Jahr hinter mir und er meinte, dass es Zeit wäre, wieder tatkräftiger in die Politik einzugreifen. Das war drei Jahre nach Seattle, ein Jahr nach Genua, nach dem Jahrzehnt des neoliberalen Triumphs setzte sich die Arbeiterklasse wieder weltweit in Bewegung.

Mein Vater hatte beschlossen, an den Anti-Irakkrieg-Demos teilzunehmen. Auf diesen Demos nahmen wir über ein Flugblatt mit dem RSB Kontakt auf. Das heißt, mein Vater nahm mit dem RSB Kontakt auf. Es folgten viele Diskussionskreise über die politische Lage, aber natürlich auch über die Russische Revolution. Der Bruch mit dem RSB erfolgte allerdings relativ schnell, als es für mich darum ging, für ein Studium nach Bielefeld zu gehen. Zum ersten Male hörte ich, dass ich mich vom revolutionären Weg entfernen würde. Mein Vater hat mich ohne Zögern in meiner Entscheidung, in Bielefeld zu studieren, unterstützt. Für ihn war es totaler Quatsch, dass diese Entscheidung mich „vom revolutionären Weg“ abbringen würde.

2004 beschloss mein Vater, stärker politisch aktiv zu werden. Es war natürlich auch eine Reaktion auf die Hartz-Gesetze, die ihn so wütend machten. Jeden Montag war er auf den Montagsdemos, auch mit Senta, und er hatte ein Plakat gebastelt „Weg mit Hartz IV“. Es war das Ende des so genannten deutschen Sozialstaats, der Beginn der Armut für Millionen Menschen. Mein Vater war davon direkt betroffen. Seit Mitte der 90er Jahre hatte er über mehrere Jahre keine festen Anstellungen gehabt und er war gerade arbeitslos geworden. Eine Arbeitslosigkeit, die sich bis zu seiner Rente im Jahre 2013 hinziehen sollte. Mit Hartz IV hat er in Armut gelebt und er hat es seit 2004 versucht zu bekämpfen.

In dieser Periode hat mein Vater mit der SAV Kontakt aufgenommen. Er wollte mit mir als Beobachter zur Bundeskonferenz nach Kassel im Jahre 2004. Und dort war ich stark beeindruckt. Ich hatte vor mir mehr als hundert Genossen, die entschlossen waren, in die WASG einzutreten, um in ihr (was mir später erst bewusst wurde) einige Prinzipien des Übergangsprogramm umzusetzen. Das heißt, linke politische Arbeit zu leisten, die schrittweise die Revolution vorbereiten kann und dabei die Arbeiterklasse in ihrer Suche nach einer politischen Lösung aus ihrer Krise so nimmt wie sie ist und wo sie ist, also in der WASG, die aus dem Verrat der SPD hervorgegangen war.

Ich weiß heute nicht genau, inwieweit mein Vater von der SAV in ihrer organisatorischen Form und und in ihren politischen Ausrichtungen überzeugt war.

2011 kam es zur Krise und Debatte um Griechenland, mein Vater veröffentlichte seine Beobachtungen und Überlegungen am 16. Januar 2012.

Zur Krise Griechenlands

Für meinen Vater stand fest, dass mit der Kontrolle der deutschen Banken (auch der französischen) über die griechische Wirtschaft die nationale Frage, die Frage der nationalen Unabhängigkeit, sich für die griechischen Arbeiter und somit auch für die Marxisten stellte. Gewohnt selber nachzudenken stieß er die Diskussion in der SAV und im CWI an. Es reichte ihm nicht von den „Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa“ zu sprechen. Diese Formulierung kam ihm zu abstrakt vor und wurde seiner Meinung nach nicht der Situation gerecht. Wie sollte man den Griechen sagen, dass es ein Vereinigtes Sozialistischen Europa geben muss, wenn gerade die deutschen Banken, wie zu Zeiten Hitlers, Griechenland plündern?

Die nationale Unabhängigkeit musste seiner Meinung nach auch auf den Fahnen der griechischen Arbeiterklasse stehen, als eine Etappe der Befreiung vom Kapital, also auch in erster Linie vom deutschen Kapital. Er stand für ein europäisches Übergangsprogramm und kritisierte daher auch seinen eigenen Artikel, der darüber nicht (genug) sprach. Im Übergangsprogramm hätte eine Überprüfung der Schulden stehen müssen, ihre Streichung, die Kontrolle der Banken. Er schrieb, dass das „Thema des Kampfes gegen nationale Unterdrückung […] nicht den Faschisten und den Rechten überlassen werden kann.“

In dieser Analyse zur Krise in Griechenland schrieb er:

„der wahre Name der Europäischen Union ist: deutsch-französischer Bund (unter deutscher Führung) zur Sicherung der Profite der Konzerne dieser Länder auf Kosten unterlegener Völker Europas, der Welt und der ‚eigenen‘ Arbeiterklassen“.

Er versuchte, den Marxismus fest gegen das Sektierertum zu verteidigen und schrieb in Erwiderung auf eine Broschüre der SAV:

„Die ‚Möglichkeit‘ (die sich gar nicht vermeiden lässt), dass sich das revolutionäre Griechenland wird eine nationale Währung zulegen müssen, ist ein solcher Schritt. Sie widerspricht dem Ziel der Vereinigung Europas (und gleichzeitig bedingt sie es). Zudem ist sie vorläufig unpopulär bei der griechischen Arbeiterklasse. Die Broschüre will sie aus unserem Programm ausschließen. Sie be-zeichnet darum diese ‚Möglichkeit‘ als eine ‚Schwäche‘ und einen ‚Kompromiss‘ und erklärt entschieden (Abschnitt „Gegenargumente“, S. 20):

‚Programm ist etwas anderes als ein Kompromiss! Das Programm ist das, wofür man kämpft, es verkörpert das Ziel. Man macht den Kompromiss nicht zum Teil des Programms – der Kompromiss ist nicht das Ziel.‘

Hier wird wie selbstverständlich gleich gegen ein Übergangsprogramm überhaupt argumentiert, im Namen eines Maximalprogramms („das Ziel“). Für den Reformismus ist das Minimalprogramm alles. Er verachtet das Ziel, den Sozialismus. Für den Linksradikalismus gibt es nur das Ziel, alles darunter sind bedauerliche ‚Kompromisse‘, die in das ‚Programm‘ nicht hineingehören. Beide brauchen kein Übergangsprogramm.“

Während der Flüchtlingskrise schrieb er an einen Genossen (1. Februar 2016):

„Dein Text hat den Vorteil, dass er diese Diskussion in Deutschland mit-anzetteln könnte. Ob sie in der NAO [Neue Antikapitalistische Organisation] möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Sie sträubt sich gegen jede ‚Mitverwaltung der Krise des Kapitalismus‘. Jede Übergangsforderung ist ipso facto eine Forderung nach einer ‚Mitverwaltung der Krise des Kapitalismus‘. Die Forderung der Aufteilung aller vorhandenen Arbeit auf die gesamte Arbeiterklasse, für die Martin ist, ist ganz klar eine Forderung nach einer (anderen) Verwaltung der Krise. Jeder Tarifvertrag, jede Betriebsvereinbarung verwalten die Krise des Kapitalismus mit. Der Martin denkt einfach nicht nach, sonst müsste ihm das auffallen. Es gibt Kinderkrankheiten, die man nicht überwinden kann, weil sie angeboren sind. Das ist der Fall der NAO.
Schöne Grüße, Mirek“

Seine Analyse des CWI

Nachdem er aus der SAV ausgeschlossen worden ist, schrieb er am 31. März 2016

„Genosse Taaffe [Mitglied im Internationalen Sekretariat des CWI] hat sich zum Schluss zufrieden gezeigt, dass bei diesen Sozialismustagen [Veranstaltung der SAV] eine wirkliche Diskussion stattfindet, mit Argumenten und Gegenargumenten, in der ‚besten Tradition des CWI‘. Ich weiß inzwischen, was alles zu dieser Tradition gehört. Z.B. die Londoner Resolution von Oktober 2013 gegen ‚zu viele‘ und ‚zu scharfe‘ Diskussionen, um bei der SAV die Diskussion zu beenden. Auch die berüchtigten, routinierten, Tage oder Wochen im Voraus fertig geschriebenen, dann abgelesenen ‚Diskussionsbeiträge‘, die viel Zeit einnehmen, eben keine neuen Argumente bringen und wenig Zeit für eine wirkliche Diskussion übrig lassen. In der Tradition standen diese Sozialismustage auf jeden Fall. Sie gaben vor allem Aufschluss über die routinierte Haltung, die im CWI überwiegt. Einiges war sehr vertraut, wie z.B. die ewige Beschwerde, auch diesmal von einigen vorgetragen, dass in Deutschland und Österreich zu wenig Interessantes geschieht. Das mutete etwas seltsam an, nach einem Jahr, in dem eine Million Flüchtlinge in Deutschland ankamen, die meisten davon angereist durch Österreich, und ein politisches Erdbeben in ganz Europa, Deutschland eingeschlossen, auslösten. Schöne Grüße Mirek“

Über das CWI bei der Griechenland-Debatte schrieb er weiter:

„Sowohl die Broschüre von Andreas Pagiatsos als auch meine Antwort zeugen nur vom Anfang einer Diskussion, die unbedingt hätte vertieft werden müssen, konnte es aber nicht, weil das CWI nicht im Stande ist, solche Diskussionen zuzulassen, geschweige denn, sie zu fördern. Davon zeugt die ‚Antwort‘ der Bundesleitung. Sie hat einfach nur die Positionen der Broschüre beteuert. Die Erzählung von Varoufakis in New Statesman, wie er mit Schäuble ‚diskutiert‘ hatte, dieser aber auf keine seiner Argumente einging, hat mich sehr erinnert, wie ich mit Sascha [Mitglied der Bundesleitung der SAV] (über Jahre immer wieder und zu verschiedenen Themen) ‚diskutierte‘.
Auch im CWI herrscht die Methode vor, dass die Führung ab einem bestimmten Punkt auf Argumente nicht eingeht, die eigenen Positionen nur wiederholt und Widersacher verleumdet und verdammt. In diesem Fall hat mir die BL die Position zugeschrieben, dass ich gegen das Ziel eines sozialistischen Europas war. Das ist aber nur eine der Methoden, um Diskussionen, die bekanntlich beim ‚Aufbau‘ nur stören, zu beenden.“

Viele hier wissen es: Der Ausschluss meines Vater aus der SAV war ein herber Schlag, auch wenn er den Ausgang des Kampfes kannte, hat er bis zum Schluss gekämpft. Auch hier ging es nicht um seine Person, sondern darum, Lehren aus dieser Diskussion für sich und vor allem für die anderen zu ziehen. Von alleine wollte er nicht gehen. Dieses Geschenk wollte er der Bundesleitung nicht machen. Er wollte rausgeschmissen werden. Deswegen hat er bis zum Schluss gekämpft. Danach kam eine Zeit der Leere und der Frage was tun.

Mein Vater war ein unerschütterlicher marxistischer Internationalist

In seinem Austrittsschreiben aus Workers‘ International [Workers‘ International to rebuild the Fourth International – WIRFI, in der Mirek seit den 1970er Jahren Mitglied gewesen war] schrieb er 2013:

„Die Internationale muss imstande sein, freimütig und offen alle wichtigen Fragen der internationalen Arbeiterklasse zu diskutieren, ihre nationalen Auswirkungen eingeschlossen, sei es z.B. in Deutschland, in Frankreich, in Griechenland oder in England. Sie muss in der Lage sein, unter aktiver Beteiligung aller Mitglieder, international die Konsequenzen für die Politik der nationalen Sektionen zu ziehen. Eine gesunde Arbeiterorganisation kann sich nicht aus nationalen Wurzeln heraus entwickeln, auch nicht aus den besten solchen Wurzeln.“

Zu den Differenzen zwischen den Genossen des CWI in England und Workers‘ International schrieb er am 12. November 2013:

„Meine Genossinnen und Genossen führen die Differenzen in unserem Herangehen an den Aufbau einer neuen Arbeiterpartei in Britannien an. Ich verstehe diese Differenzen so: Ihr, meine Genossinnen und Genossen der WIRFI in Britannien, unterstützt die Bemühungen der Gewerkschaft Unite, die Labour Party für die Arbeiterklasse wiederzugewinnen. Ihr seht darin einen notwendigen Übergangsmoment in dem sich gerade vollziehenden Bruch dieser Klasse mit derselben Labour Party. Meine Genossinnen und Genossen der Sozialistischen Partei, der Sektion des CWI in England und Wales, denken im Gegenteil, dass dieser Prozess fortgeschritten genug ist, so dass wir den Bruch mit der Labour Party ohne weitere Umwege fordern können und müssen.“

Wenn man sieht, welche Entwicklung die Labour Party heute genommen hat, glaube ich, dass man als Marxist in England heute in der Labour Party sein muss.

Er schrieb auch von der Konkurrenz zwischen der Workers‘ International (WI) und dem CWI und dass von ihm eine Entscheidung abverlangt wurde, weil das CWI die WI als konkurrierende politische Organisation auffassen würde, was ein Beispiel für Sektierertum und die Abkoppelung von der Arbeiterklasse sei.

Ich glaube, dass es heute noch klarer ist: Mein Vater ist vor allem zu einer Entscheidung gezwungen worden, weil er mit seinem selbstständigen Denken Diskussionen hervorbrachte, die verknöcherte Traditionen des CWI – um nicht stalinistische zu sagen – zum Vorschein brachten. Das hat ein Teil der Führung des CWI bekämpft.

In seinem Austrittsbrief aus der Workers‘ International vom 12. November 2013 zeigt er auf wie die SAV in ihrer Haltung, ihn zu einer Entscheidung zwischen dem CWI und Workers‘ International zu zwingen, sich als eine sektiererische Gruppe verhält, die glaubt die revolutionäre Arbeiterbewegung könnte aufgebaut werden, wenn die SAV nur größer würde im Kampf gegen rivalisierende andere trotzkistische Gruppen.

Als Dialektiker dreht er auch die Frage der Quellen seiner Meinungen um. Wohl hatten ihn Genossen der SAV gefragt, woher er seine Meinungen, Standpunkte nahm. Was auch zeigt, dass selbstständiges Denken Erstauen hervorrief…

Er antwortete einfach, dass er selber nachdenke und gerne die Dokumente von Workers‘ International in der SAV verbreiten würde, damit die Genossen verstünden wie er zu seinen Positionen käme.

Der Brexit und Katalonien

Zum Brexit und zu Katolonien – ich erlaube mir beide Krisen zusammen auszuführen – hatte mein Vater eine Gegenstellung zu allgemeinen Positionen der Linken. Zum Brexit sagte er, dass das Zusammenbrechen der Europäischen Union auf der Basis der Brexit-Befürworter kein Fortschritt für die englische und europäische Arbeiterklasse darstelle, denn der Brexit führe nur zur größeren Zerstückelung der europäischen Arbeiterklasse. Sicher hat die EU dazu geführt, dass sie von der europäischen Arbeiterklasse massiv kritisiert wird. Aber als Mittel einen europäischen Markt zu schaffen, schafft sie auch die Bedingungen die europäische Arbeiterklasse zu vereinigen.
Marx schrieb in einer Rede über die Frage des Freihandels folgendes, es war 1848:

„Aber im allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konservativ, während das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt die bisherigen Nationalitäten und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in diesem revolutionären Sinne, meine Herren, stimme ich für den Freihandel.“
Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels, gehalten am 9. Januar 1848
Nach „Discours sur la question du libre échange, prononcé à l’Association Démocratique de Bruxelles“. Bruxelles 1848. Aus dem Französischen.

Mein Vater sagte in dieser Debatte zu Peter Taaffe auch, dass, wenn die EU eine massive Kürzungspolitik vorantriebe, dieses Problem bei einem Brexit nicht verschwinden würde. Auch die Regierungen von nationalen bürgerlichen Staaten führen diese Politik.

Zu Katalonien nahm er zu meiner gewissen Überraschung auch eine Gegenstellung, die zumindest diskutiert werden sollte. Er wollte immer klare Antworten auf möglichst klare Fragen haben. So fragte er mich: Bist du gegen oder für die Unabhängigkeit Kataloniens?
Meine erste Reaktion war: dafür – und ich sprach über die Vergangenheit des spanischen Staates, Franco usw.
Er sagte mir, dass nach reiflichem Überlegen er gegen die Unabhängigkeit wäre, denn sie würde die spanische Arbeiterklasse teilen und sie fände nicht auf einer Klassenbasis statt (wie auch beim Brexit…).
Was hätten katalonische Arbeiter von Seat von der katalonischen Unabhängigkeit?
Er analysierte sehr nüchtern die katalonische Unabhängigkeitsbewegung als eine klassenübergreifende Sammlungsbewegung ohne klare Forderungen für die Arbeiterklasse. Das ist gerade das schwierige bei nationalen Bewegungen, jede soziale Schicht kann sich im Prinzip zu der Nation zählen. Die Nation läuft darauf hinaus, die Klassengrenzen zu verwischen. Nichtsdestotrotz war ihm auch klar, dass die Repression des spanischen Staates auf mittel- oder langfristige Sicht nur zur Unabhängigkeit Kataloniens führen konnte.

Diese aktuelle Diskussion muss noch fortgeführt werden und die Arbeiterklasse braucht diese Diskussion, um Klarheit über die bürgerlichen Staaten und die Europäische Union zu erlangen.

Wie zusammenfassen?

Wenn ich es irgendwie zusammenfassen sollte, so kann ich nur sagen, dass mein Vater jeden Mitstreiter dazu trieb – ich denke das ist das richtige Wort – die Diskussion bis zum Ende zu führen, um Klarheit über das Handeln zu gewinnen. Diskussion bis zum Ende zu führen, hieß dann auch bis zum Ende zu kämpfen. Das hat er in der SAV getan, bis zu seinem Ausschluss und weil er eine Fraktion aufbauen wollte, nicht um bodenlose Kritik auszudrücken, sondern um mit fundierter Kritik das CWI als ein Mittel der Arbeiterklasse auf eine andere Bahn zu bringen.

Wenn er mir so oft Fragen stellte, dann war es weil er Diskussionen brauchte, er wollte seine Standpunkte diskutieren, er wollte sicher auch die Leute zum Nachdenken bewegen. Das alles kam aus der Überzeugung, dass Marxisten keine Marionetten sein können. Nur selbständig denkende Menschen. Und dazu gehören natürlich auch Fehler, aus denen man lernen muss.

Ohne Zweifel hat mein Vater zwischen den Kämpfern unterschieden, den bewussten, den weniger bewussten. Er wusste aber auch, wie hemmend zu große Ansprüche sein können. So sagte er auch oft, dass es besser sei an kleinen Kämpfen teilzunehmen oder als kleiner Teil an großen Kämpfen teilzunehmen als große Pläne zu schmieden und zu Hause zu bleiben.

Selbständig dialektisch denken, lernen, kämpfen, nicht in Sektierertum verfallen: Das waren wohl die vier Pfeiler seines marxistischen Handelns. Das hat er versucht, mir zu vermitteln. Und das ist sein wertvollstes Erbe.