Zum Tod eines Zeitzeugen des Prager Frühlings

Redaktion und UnterstützerInnen dieses Blogs trauern um Mirek Vodslon, der am 13.12.2017 im Alter von 69 Jahren in Berlin verstorben ist. Anlässlich seines Todes dokumentieren wir ein Interview mit ihm, das 2008 – zum 40. Jahrestag des Prager Frühlings – erschienen ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in der Tschechoslowakei (ČSSR) die Betriebe verstaatlicht und der Kapitalismus abgeschafft worden. Es gab aber keine demokratische, sondern von Anfang an eine bürokratische Planwirtschaft. Nie existierte – wie in Russland in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution – eine wirkliche Arbeiterdemokratie.

Dem Druck von unten folgten in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in der ČSSR Reformen von oben – die bald außer Kontrolle gerieten.

Am 21. August 1968 marschierten Truppen aus der Sowjetunion, der DDR, Ungarn, Polen und Bulgarien in die Tschechoslowakei ein, besetzten das Land und entmachteten die Regierung samt Führung der Kommunistischen Partei um Alexander Dubček.

 

Was hast du 1968 in Prag gemacht?

Ich war Student der Mathematik-Physik-Fakultät der Karls-Universität. Mitglied der KPČ war ich nicht, nur formell Mitglied des Jugendverbandes, ČSM. Aber ich war leidenschaftlich politisch interessiert. Alle waren es.

Mein Vater war Mitglied des Zentralkomitees der KP. Er gehörte zu den Initiatioren der „Reformbewegung“ von oben. Seine Meinung hatte ein gewisses Gewicht, weil er vor dem Krieg Streikführer, dann Widerstandskämpfer gegen die Nazis war. Schon vor 1968 gehörte er einer informellen Oppositionsgruppe in der Partei an. 1969 wurde er ausgeschlossen.

Was erwarteten die Menschen vom Reformprozess in der Tschechoslowakei vor vierzig Jahren?

Das Ende der Vormundschaft der Betonköpfe. Eine freie Debatte in der gesamten Gesellschaft um Alternativen – auch um die wirtschaftlichen. Die bürokratische Planwirtschaft steckte in der Krise. Die Partei hatte zwar schon 1960 den Sozialismus in der kleinen Tschechoslowakei für „aufgebaut“ erklärt. Wenig später musste Antonin Novotný, der erste Sekretär der Partei und Staatspräsident in einer Person, aber versprechen: „Fleisch wird es geben.“ Denn in unserem „Sozialismus“ gab es öfters Fleisch nur unterm Ladentisch. Volkswirtschaftler schätzten, dass die Industrie – aufgrund der Fehlplanung – den Wert von zwei Jahresproduktionen auf Halde hatte, in Artikeln, die keinem Bedarf entsprachen.

Wir wollten auch eine Aufklärung der Verbrechen der Terrorherrschaft der fünfziger Jahre, und dass die Schergen zur Verantwortung gezogen werden. Die meisten Überlebenden des Massenterrors wurden nach 1956 zwar freigelassen. Die Täter blieben aber an der Macht und veranstalteten die „Rehabilitation“ der Opfer so, dass an jedem Opfer ein wenig „Schuld“ kleben blieb. Die „Rehabilitationsfrage“ gab am Anfang den mächtigsten Antrieb der Bewegung.

Nur ganz wenige wollten zurück zum Kapitalismus. Im Laufe des Frühlings 1968 konnten sich politische Organisationen bilden, und es gab auch pro-kapitalistische. Selbst diese konnten sich aber nicht die Wiederherstellung des Kapitalismus offen auf die Fahnen schreiben. Damit hätten sie den Rest der Bewegung gegen sich aufgebracht, die eindeutig einen sozialistischen Charakter besaß.

Wie begann der „Prager Frühling“?

Der Kongress des Schriftstellerverbandes am 2. Juni 1967 war der wahre Auftakt des „Prager Frühlings“. Er bilanzierte die Jahre seit der bürokratisch durchgeführten sozialen Revolution von 1948. Ein sehr bekannter Schriftsteller und Journalist, Ludvík Vaculík, sagte: „In 20 Jahren wurde kein menschliches Problem gelöst.“ Dieser Paukenschlag hallte im ganzen Land wider.

Am 30. Oktober fielen Licht und Heizung im Studentenwohnheim von Strahov in Prag aus. Die Studenten demonstrierten in der Innenstadt mit Kerzen in der Hand und riefen: „Wir wollen Licht.“ Nicht nur das elektrische Licht, versteht sich: Licht in die Verhältnisse! Die Polizei verfolgte sie prügelnd bis in ihre Zimmer.

Die herrschende Kaste war gespalten in „Progressive“ und „Konservative“. Das ZK traf sich im Dezember zu einer Krisensitzung. Am 5. Januar 1968 wurde Novotný, die „Erzkonserve“, als Parteichef durch Alexander Dubček abgelöst. Mitglieder des ZK sollten der Basis die neue Politik erklären. Die meisten Betriebe hatten aber schon keine Lust, sich die „Konserven“ noch einmal anzuhören. Als Referenten waren nur „Progressive“ gefragt.

Eine Massenbewegung bahnte sich an. Viele traten in die KP ein, um die Erneuerung voranzutreiben. Das war alles mehr, als die Reformer je vorausgesehen oder gar gewünscht hatten.

Wie organisierte sich die Bewegung? Bestanden Initiativen lediglich auf regionaler Basis oder vernetzten sie sich?

Einer der Auslöser des „Frühlings“ war die Bevormundung der Slowakei durch die Parteispitze in Prag. Keiner strebte aber eine Abtrennung an. Ziel war eine Föderation.

Bei den Debatten um die Erneuerung der KP, einer stalinistischen Partei, kanalisierte sich der Protest der tschechischen und slowakischen Arbeiterklasse. Bei örtlichen und Bezirkskonferenzen der Partei wurde lautstark abgerechnet. Bis Ende März waren die alten Bürokraten überall abgewählt und durch neue Leute ersetzt. Wer sich nicht zur „neuen Politik“ bekannte, hatte wenig Chancen.

Erst nach dem Einmarsch gelang es der Bürokratie, die „Föderalisierungstendenzen“ auszunutzen, um die Bewegung teilweise national zu spalten.

Gab es Ansätze für Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben?

Es formierten sich tatsächlich Arbeiterräte in etlichen Betrieben. Das ist wenig bekannt. Arbeiter wollten zunächst Einfluss auf Entscheidungen am Arbeitsplatz erlangen und Druck auf die Staatsführung ausüben, damit sie den Demokratisierungskurs fortsetzt. Die Idee einer Räterepublik hatten nur wenige. Die Bewegung wurde von der militärischen Intervention am 21. August überrascht, bevor die Arbeiterklasse Gelegenheit hatte, über die Schranken des Programms des „Reformflügels“ der Partei hinauszugehen. Die politische Revolution wurde dann durch die so genannte Normalisierung gestoppt. Aber es war eine politische Revolution gewesen!

Die Antwort der Bürokratie auf die Arbeiterräte bestand darin, ein Gesetz vorzubereiten, das sie auf eine Beratungsfunktion innerhalb des Betriebs beschränken sollte. Die Drohgebärden der Kreml-Bürokratie gegen den gesamten Prozess prägten aber den Sommer 1968 und überschatteten die Diskussionen um die Räte.

Auch die Gewerkschaften wurden von Grund auf erneuert. Die Lokführer gründeten sogar eine neue Gewerkschaft.

Wie reagierten die Menschen auf den Einmarsch?

Vor allem Jugendliche gingen auf die Straßen und diskutierten mit den sowjetischen Soldaten. Viele Soldaten erfuhren erst dadurch, dass dies eine Bewegung für den Sozialismus war. Es gab auch mehrere gewaltsame Auseinandersetzungen, die einige Soldaten mit ihrem Leben bezahlten und bei denen etwa 100 Demonstranten erschossen wurden. Das tschechische Radio sendete weiter, von Sendern der Armee aus, und rief zum passiven Widerstand auf. Überall wurden die Straßenschilder abgeschraubt, manche Einheiten der Invasoren irrten orientierungslos herum.

Die Arbeiterklasse wartete in den Betrieben auf das Signal ihrer Partei, der „erneuerten“ KPČ, zum Generalstreik. Die internationale Lage war günstig für den Widerstand. Aber es passierte nichts.

Delegierte des außerordentlichen 14. Parteitags der KPČ waren gewählt. Dieser kam am 22. August zusammen, unter dem Schutz der Arbeiter des großen metallverarbeitenden Betriebs ČKD in Prag-Visocany. Der Parteitag verurteilte die Invasion, verlangte den Rückzug der Truppen und die Rückkehr von Dubček und seinen Genossen, die in der Nacht vom 20. auf den 21. August nach Moskau zu „Verhandlungen“ verschleppt worden waren.

Trotz der Veränderungen in der Kommunistischen Partei nahm diese nicht den Kampf auf. Diese Partei hatte Angst vor der Verantwortung, den Widerstand zu führen. Dafür wird eine marxistische Führung benötigt, mit einer internationalen Perspektive. Eine solche Führung entsteht nicht von einem Tag auf den anderen.

Wie war die Stimmung in der Bevölkerung nach Dubčeks Rückkehr aus Moskau?

Alexander Dubček und Josef Smirkovský versprachen mit Tränen in den Augen, die Politik der letzten Monate fortzusetzen. Sie hatten aber in Moskau ein geheimes Protokoll der „Normalisierung“ unterzeichnet. Die Beschlüsse des 14. Parteitags sollten rückgängig gemacht werden.

Nach und nach wurde der Inhalt des Moskauer Diktats bekannt und damit auch die Rolle Dubčeks, die er in der Zeit nach dem Einmarsch wirklich spielte.

Am ersten Jahrestag des 21. Augusts gab es spontane, unorganisierte Demonstrationen von Jugendlichen. Darauf folgten Repression und Sondergerichte. Dieses Dekret trug Dubčeks Unterschrift…

Wie hat sich das Bewusstsein der Menschen durch die „Normalisierung“ verändert?

Zur „Normalisierung“ gehörte, dass Hunderttausende aus der Partei ausgeschlossen und mit Berufsverbot belegt wurden. Dutzende wanderten ins Gefängnis. Die Hoffnung, die zuvor in den Sozialismus gesetzt wurde, nahm großen Schaden. Die Kreml-Bürokratie erwies sich als gewaltige anti-sozialistische Kraft.

Das Interview erschien zuerst am 11.04.2008 auf der Website sozialismus.info, die von Mirek in den Jahren 2005-2014 politisch unterstützt wurde.

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