„Wir saßen einst in einem Boot, der Käpt’n lebt, die Mannschaft tot!“ Ein Betrieb wird besetzt

Eine Filmbesprechung

von Joachim Geyber, Stuttgart

Der Film dokumentiert den dreiwöchigen Streik und die Betriebsbesetzung Anfang 1982 im Videocolor-Werk in Ulm. Die Videocolor GmbH war ein Zusammenschluss der Firmen AEG (Deutschland), RCA (USA) und Thomson-Brandt (Frankreich) zur gemeinsamen Produktion von Bildröhren, die bis in die 1990er Jahre für Fernsehapparate gebraucht wurden. AEG und RCA hatten sich aus der Produktion zurückgezogen. Thomson Brandt war alleiniger Anteilseigner, wollte die Entwicklungslabors von Videocolor übernehmen, hatte aber an der Produktion der Röhren in Ulm kein großes Interesse, weil die Konzernleitung die Produktion in den Fabriken Lyon, im Stammland Frankreich, und Anagni, im bedeutendsten Absatzmarkt Italien, konzentrieren wollte. Das Ulmer Werk war auch gegenüber den japanischen Exporteuren konkurrenzfähig und wurde mit Unterstützung vom Bund (Kurzarbeitergeld) auf ein moderneres Röhrenformat umgestellt. Trotzdem beschloss die Unternehmensleitung im November 1981 einen Vergleichsantrag wegen Überschuldung und plante, das Werk zu schließen. Die Belegschaft bestand aus 1000 Arbeitern und 700 Angestellten. Im Januar 1982 beschloss die Belegschaft den Streik.

Die Mitglieder des Streikkomitees bemalen Transparente und bereiten die Betriebsbesetzung vor. Am dritten Streiktag wird die Auslieferung von Bildröhren verhindert. Ein bereits beladener LKW wird entladen. Mitte Januar erhalten 900 Arbeiter die Kündigung. Die italienischen, spanischen, türkischen und jugoslawischen Arbeiter sind mutig, verteilen Flugblätter und sagen ihre Meinung auf Betriebsversammlungen. Viele deutschen Arbeiter halten sich zurück. Franz Steinkühler, damals 45 Jahre alt und Bezirksleiter des IG-Metall-Bezirks Baden-Württemberg wird eingeladen, warnt vor dem mächtigen Konzern und windet sich am Mikrofon, weil die IG Metall den wilden Streik nicht unterstützen will. Udo Tischer ist einer der Streikführer. Die Streikführer übernachten im Betrieb, weil sie Sorge haben, dass sie Hausverbot erhalten und nach einem Verlassen der Fabrik nicht mehr zurückkönnen. Udo Tischer stellt viele Fragen und spricht jede einzelne Aktion mit seinen Kollegen ab. Der Film zeigt auch einen Ausschnitt aus dem Streikfest mit Tanz und Musik. Schon in den ersten Streiktagen fahren Delegationen zum Konzernsitz nach Paris und zu den Kollegen nach Italien. Die Streikenden fahren nach Stuttgart ins Wirtschaftsministerium, dringen ins Ulmer Rathaus ein und erreichen schließlich ein direktes Gespräch mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Die Streikenden schlagen vor, dass das Land sich an der Finanzierung beteiligt. Das wird abgelehnt. Die Streikenden erkennen mehrheitlich, dass sie das Werk dauerhaft nicht selbst betreiben können, da die Konzerne ihre Bildröhren nicht abnehmen werden. Durch ihren Streik haben sie erreicht, dass die Konzernleitung die angebotenen Abfindungen verdoppelt, dass für die Zeit des Streiks der volle Lohn gezahlt wird und dass es keine Maßregelungen gibt, also keine Strafen und Schikanen für Streikende und Streikführer. Obwohl viele Ältere verbittert sind, weil sie wissen, dass sie keine Arbeit mehr bekommen werden, stimmen die Kollegen dem Sozialplan zu. Ein paar Tage später wird die Arbeit wieder aufgenommen. Nach einem halben Jahr wird die Fabrik geschlossen, alle Mitarbeiter werden fortgeschickt und die Maschinen und sonstigen Einrichtungen werden versteigert.

Zu Beginn des Films erzählen die Filmemacher Hörmann, Heimbucher, Jung und Schubert ein wenig über die Vorgeschichte. Den Hauptteil des Films bilden Streikversammlungen, Interviews mit Arbeitern und Streikaktionen.

Der Film wurde im Jahr 1983 vom Institut für Filmgestaltung Ulm e.V. Kooperationsbereich Universität / Arbeiterkammer Bremen produziert. Er dauert 97 Minuten und kann bei der Verwaltungsstelle Ulm der IG Metall angefordert werden (ulm@igmetall.de, Tel.: 0731-96606-0)

„Wir saßen einst in einem Boot, der Käpt’n lebt, die Mannschaft tot!“. Ein Betrieb wird besetzt                                                                                                                               Produktionsort und -jahr: BRD 1982/1983                                                           Dokumentarfilm, 97 Min.                                                                                                              Regie: Günther Hörmann, Achim Heimbucher, Peter Schubert                                Uraufführung (DE): 21.04.1983, Bremen

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